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„Warum hat er das getan?“ fragen uns die Leute immer wieder, jetzt, nachdem wir aus Jenin zurück sind. Nachdem wir seine Familie kennen gelernt haben. Nachdem wir dasselbe seinen Vater, seinen Bruder gefragt haben.

Warum geht ein junger Mann morgens aus dem Haus, verabschiedet sich von seinen Eltern wie an jedem anderen Tag? Sagt noch, er käme nicht so spät zurück von der Arbeit und zündet ein paar Stunden später den Sprengstoffgürtel unter seinem Shirt? Acht Jahre nach dem Attentat versuchen wir zu verstehen, was unvorstellbar scheint.

Wir sind zum ersten Mal ins Westjordanland gereist, auch Israel kennen wir noch nicht. Alles ist neu, alles anders. Über den Konflikt wissen wir, was man in den Nachrichten darüber lesen kann – ferner Naher Osten. Und plötzlich sind wir dort. Zwei Wochen nach unserem Studienabschluss. Wir sind noch Studentinnen, als Marcus Vetter, unser Dokumentarfilmdozent am Ende des Seminars fragt, was wir nach unserem Studium machen wollen. Wir haben Träume, aber noch keine einzige Bewerbung losgeschickt. Als Erstlingsregisseurinnen einen Doku-
mentarfilm drehen zu dürfen, kommt uns in diesem Moment gar nicht in den Sinn.

Eineinhalb Jahre später sind wir Regisseurinnen und Marcus Vetter ist unser Produzent. Wir sind Teil des unglaublichen Cinema Jenin Projekts geworden.
Ein Projekt, das Chancen gibt: uns wird zugetraut, einen 90-minütigen Dokumentarfilm zu drehen. Es ist die Vision, dass es funktionieren kann, Vertrauen in eine Idee zu haben. Wir fühlen uns durch Marcus‘ Rückendeckung, durch seine Überzeugung gestärkt und ermutigt mit dem Dreh zu beginnen.

Ob die Familie etwas geahnt habe, fragen wir Zakaria Tobassi, den Vater des Attentäters, als wir ihn das zweite Mal treffen. Zwei junge Filmemacherinnen, unerfahren – was das Filmemachen angeht, aber natürlich auch gegenüber der arabischen Kultur. Der Vater rät uns freundlich Kopftücher zu tragen, wenn wir in den Himmel kommen möchten. Wir nicken und fragen nach dem Warum, nach der Zeit davor, nach der Zeit danach, ob er seinem Sohn etwas angemerkt habe. Habe er nicht, beteuert der religiöse Mann.

Ein paar Tage später nimmt uns unser palästinensischer Produzent Fakhri Hamad zur Seite. Er ist aufgeregt: „Ihr habt ihn tatsächlich gefragt, ob er etwas wusste? Seid ihr euch im Klaren, welche Konsequenzen das für die ganze Familie haben kann – angenommen der Vater hätte etwas geahnt? Solche Fragen wecken Misstrauen. Ihr könntet vom Mossad sein.“

 




Danach drehen wir lange nicht. Wir kommen nicht an die Familie heran. Also besuchen wir sie immer wieder. Einfach so, ohne Kamera, oft auch ohne Übersetzer. Wir zeigen Photos von unseren Familien in Deutschland, reden mit Händen und Füßen, sie bringen uns ein bisschen Arabisch bei und versuchen sich selbst an ein paar Brocken Englisch zu erinnern .

Das Ganze ist ein langsamer Prozess und wir haben den Luxus mit einem in der Filmbranche seltenen Gut zu arbeiten: viel Zeit. Nur deshalb können wir in schwierigen Situationen gelassen bleiben, improvisieren und uns auf die Familie und ihren eigenen Rhythmus einlassen. Wir gewinnen ihr Vertrauen, sie das unsere. Wir verstehen mehr und mehr, sie vertrauen uns mehr und mehr an und dann dürfen wir die Kamera wieder mitbringen.
„Wie habt ihr das geschafft“, fragt ein Israeli ungläubig. „Wie habt ihr sie dazu gebracht zu sprechen?“ Wir haben sie nicht dazu gebracht. Sie haben es selbst entschieden. Aber sie haben uns vertraut.

Unsere große Stütze ist das Cinema Jenin. Ein verfallenes Kino, das seit einem Jahr von vielen palästinensischen und internationalen Helfern wieder aufgebaut wird. Im Guesthouse nebenan können wir wohnen, hier finden wir Freunde, hier arbeitet auch Fakhri, unser palästinensischer Produzent.

Wenn Vater Tobassi in sich horcht, weiß er, dass diese Frauen ihm gegenüber nicht vom israelischen Geheimdienst kommen. Vielleicht hält er uns für ein bisschen naiv, aber keinesfalls für gefährlich. Wenn wir in uns horchen, dann wissen wir, dass er wirklich nichts von den Plänen seines Sohnes geahnt hat. Dafür mag uns manch anderer vielleicht für ein wenig naiv halten.

Irgendwann fragen wir gar nicht mehr danach. Wir wollen nicht erklären müssen, warum Shadi sich und 15 weitere Menschen umgebracht hat. Es soll ein Film werden, der Einblick in die Gefühlswelt der Hinterbliebenen gibt. Wir wollen davon erzählen, was danach kommt, nach dem Tod, nach der Stille, nach dem Schock. Was aus den Angehörigen geworden ist und was die Toten ihnen hinterlassen haben. Dov, der israelische Architekt und Friedensaktivist, der von einem Splitter tödlich am Hinterkopf getroffen wurde, hat eine Idee zurückgelassen: Es kann keinen Frieden geben, wenn die Feinde nicht miteinander sprechen.

Acht Jahre nach dem Attentat traut sich die Witwe Yaël, Shadis Familie in Jenin zu besuchen. Bestimmt auch ein bisschen, weil sie uns vertraut. Die Familie Tobassi hat den Mut, die Israelin in ihr Wohnzimmer nach Jenin einzuladen.

Diese behutsame Annäherung beider Seiten wollen wir erzählen.

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